Mezquita – Untersuchung des verlorenen Daches der Moschee-Kathedrale von Córdoba | Research

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Architektur ist ein Dialog zwischen Generationen, deren Ambitionen in Stein und Holz verewigt sind. Indem wir bauen, erinnern wir uns; und unsere Existenz hinterlässt Spuren in den Räumen, die wir bewohnen. So wird Architektur zur Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein Denkarium menschlicher Tätigkeit, Erfindungskraft, Leiden und Errungenschaften. Sie ist der sichtbare Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklung, ein stiller Zeuge der Komplexität jener Gemeinschaften, die sie schufen. Dies gilt insbesondere für Bauwerke von außerordentlicher historischer und kultureller Bedeutung. Ihr Verständnis eröffnet uns Einblicke in das übergeordnete Narrativ der Menschheitsgeschichte. Denn Kulturen begegnen und durchdringen einander, tauschen Ideen aus, bereichern sich gegenseitig – und Architektur bewahrt diese Spuren. Sie ist das physisch-materielle Zeugnis eines stetigen Dialogs, in dem sich künstlerische, technische und geistige Einflüsse über die Zeit hinweg verdichten.

“Wohnen heißt Spuren hinterlassen”

Walter Benjamin
Abb. 1. Luftbild der Moschee-Kathedrale Córdoba.

Das folgende Essay ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts mit dem Titel „Die Dachwerke der Moschee-Kathedrale von Córdoba: Forschung durch Modellbau“, das im Sommer 2023 an der Technischen Universität Braunschweig durchgeführt wurde. Für diese Veröffentlichung wurden bestimmte Abschnitte weggelassen, da sie zwar Teil der ursprünglichen Aufgabenstellung waren, aber unserer Ansicht nach wenig zur Diskussion über die Dachkonstruktion beitragen. Die Autoren dieses Aufsatzes und des Modells sind E. Taillebois, J. Meyer und M. Gerber. Die Kursstruktur war darauf ausgerichtet, die grundlegenden methodologischen Werkzeuge des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln, bot darüber hinaus jedoch wenig Anleitung zum Inhalt dieser Forschung.

Titelbild © Jesús D. Caparrós Carretero.
Quelle: La Mezquita-Catedral de Córdoba, desde sus tejados, 2023. El Debate.


KAPITEL 1: EINLEITUNG

Zwischen ihrer ursprünglichen Konzeption als Moschee und späterer Umnutzung zur Kathedrale, erfuhr die Mezquita von Córdoba über die Jahrhunderte hinweg kontinuierlichen Erweiterungen und Umbauten. Diese konstante Weiterentwicklung macht das Gebäude zu einem einzigartigen architektonischen Palimpsest, das tiefgehende Einblicke in die vielschichtige kulturelle und religiöse Geschichte Spaniens bietet. Auf der anderen Seite erschwert der selbe Prozess, der der Mezquita ihre architektonisch-historische Bedeutung verleiht, heutzutage die Rekonstruktion ihres ursprünglichen Zustands. Aufgrund unvollständiger Dokumentation stellt die Aufarbeitung der frühesten Phasen des Bauwerks – insbesondere seiner Dachkonstruktion – eine erhebliche Herausforderung dar.

Um eine ausreichend fundierte Rekonstruktion der einzelnen Bauabschnitte zu ermöglichen, werden die sukzessiven Erweiterungen der Moschee auf einzelne Forschungsgruppen aufgeteilt. In unserem Fall liegt der Fokus auf der ersten Bauphase. Eine umfassende Auswertung wissenschaftlicher Fachliteratur sowie die experimentelle Forschung am physischen Modell sollen dabei helfen, das ursprüngliche Dachsystem nachzubilden. Die Methodologie beruht auf einer vergleichenden Analyse vorhandener wissenschaftlicher Arbeiten, Hypothesen und archäologischer Befunde. Die kritische Aus- und Bewertung dieser Recherche liegt der anschließenden physischen Rekonstruktion am Modell zugrunde. Weitere empirische Validierung erfolgt durch die Untersuchung geborgener Elemente der ursprünglichen Dachkonstruktion.

Viele dieser Holzbauteile sind noch immer in der Mezquita zu finden, wobei sich ihre Standorte und Funktionen im Laufe der Zeit oft veränderten. Die größte Sammlung dieser Elemente befindet sich in der Arkadengalerie des Patio de los Naranjos (Orangenbaum-Garten), wo ihre Bauweise und Ornamentik noch sichtbar sind. (Siehe Abb. 9 & 10)

Um theoretische Untersuchungen in räumliches Verständnis zu übersetzen, stellt unser Modell einen einzelnes Joch des Hauptschiffs im Maßstab 1:20 dar. Dies ermöglicht es uns nicht nur die Raumwirkung unterschiedlicher Konstruktionsansätze am Objekt zu erforschen, sondern auch ein haptisches Verständnis für die komplexen Dachwerke zu entwickeln. Bereits in diesem Maßstab lassen sich konstruktive Annahmen überprüfen und hinterfragen. Wir berücksichtigen bewusst die gesamte Höhe der Mezquita, um einen angemessenen Detailgrad beibehalten und die Authentizität der Rekonstruktion des Daches sicherzustellen. Das Modell und die begleitende wissenschaftliche Erläuterung ergänzen sich gegenseitig und müssen unbedingt als eine zusammenhängende Arbeit betrachtet werden. 

Die folgenden Kapitel setzen ein grundlegendes Wissen über die Geschichte der Moschee-Kathedrale von Córdoba voraus. In Kapitel 2 werden die wesentliche Bauchronologie sowie der geopolitische Kontext der einzelnen Phasen daher nur grob umrissen und dienen als Einleitung in die zentrale Fragestellung dieses Essays: Die Rekonstruktion des Dachtragwerks der Cordobeser Moschee-Kathedrale zur Zeit ihrer Erbauung im späten 8. Jahrhundert. Im Anschluss wird in Kapitel 3 der Gebäudeabschnitt vorgestellt, den wir in unserer Forschung am Modell behandeln. Schließlich präsentiert Kapitel 4 unsere Ergebnisse zur Rekonstruktion des Daches.

Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist das Erarbeiten und letztendlich die Kanonisierung des bis heute nicht endgültig erforschten ursprünglichen Dachtragwerks der — in diesem Zeitraum noch — Moschee von Córdoba.

KAPITEL 2: DAS GEBÄUDE

2.1 Bau der Moschee von 785 bis 787  (169-170 H)1

Nachdem sich der nach al-Andalus geflüchtete Umayyade ‘Abd al-Rahman I. 756 (138 H) zum Emir der Provinz ernennt, wird zur Demonstration seiner Macht und zur Festigung Córdobas als Hauptstadt des unabhängigen westumayyadischen Machtzentrums zwischen 785 und 787 (169-170 H) eine Moschee errichtet.2 Ein weiterer Grund hierfür ist das rasche Bevölkerungswachstum der Stadt, aufgrund dessen der Platz in der zur Moschee umfunktionierten westgotischen Basilika von San Vicente während des Freitagsgebets nicht mehr ausreicht. Deswegen sowie zur Konsolidierung der umayyadischen Regierung in Córdoba, lässt ‘Abd al-Rahman I. die christliche Basilika abreißen und errichtet an ihrer Stelle den Gründungsbau der Cordobeser Moschee.3


Ewert verweist hier auf vorherige Beispiele früh-mesopotamischer Militärstädte, wie Kūfa und Wāsiṭ, in denen eine Hauptmoschee sowohl das religiöse als auch das politische Machtzentrum in sich vereinte, indem sie dem jeweiligen Herrscher gleichzeitig als Regierungssitz diente. Im Falle der Cordobeser Moschee, die ab sofort den Mittelpunkt der islamischen Stadt bildet,4 ist diese zunächst annähernd quadratisch und etwa in der Mitte zwischen Gebetsraum und vorgelagertem Hof geteilt. Ausgerichtet in annähernd Nord-Süd-Richtung, misst die Südfassade an der Außenseite 79,02 m und an der Westseite 78,88 m. An dieser Stelle zitiert Manuel Nieto Cumplido die Arbeit von Felix Hernández Giménez, in der er feststellt, dass die Ost- und Westseiten der ursprünglichen Moschee nicht parallel zueinander verlaufen, sondern symmetrisch nach Norden in Bezug auf die Achse des Mittelschiffs konvergieren. Daraus ergibt sich, dass die Innenbreite des Heiligtums von ‘Abd al-Rahman I. entlang seiner Rückwand 33,8 cm größer ist als die vordere Wand des Hofes. Auch die Süd- und die Nordseite sind nicht parallel.5


Der gesamte Fußabdruck des Komplexes erstreckt sich über eine Fläche von etwa 4.925 m2. Laut Nieto Cumplido bietet der Betsaal mit einer Fläche von 2.709 m2 Platz für 5.000 Gläubige und ist damit bereits in seiner ursprünglichen Version größer als der Betsaal der Großen Moschee von Kairouan, dem bis dahin größten westislamischen Sakralbau. Dieser ist allerdings aufgrund seines deutlich größeren Hofs mit insgesamt 5.767 m2 Grundfläche trotzdem noch größer als die Cordobeser Moschee während ihrer ersten Bauphase.6 Leopoldo Torres Balbás, dessen Untersuchungen von Nieto Cumplido noch auf der selben Seite zitiert werden, beschreibt den Betsaal mit 2.699 m2 als ähnlich groß, jedoch mit einem Fassungsvermögen von 10.642 Gläubigen,7 doppelt so viel wie bei Nieto Cumplido. Aufgrund des späteren Erscheinungsdatums und der dadurch wahrscheinlich größeren Bandbreite an verfügbaren Quellen, erfolgt die Angabe von Dimensionen und Fassungsvermögen im Folgenden mit Verweis auf das Werk von Nieto Cumplido.

Die Moschee zeigt mit ihrer ungefähren NW-SO-Ausrichtung nicht in Richtung der Qibla, der im Koran vorgeschriebenen Gebetsrichtung zur Kaaba in Mekka. Der Grund für die, zumindest im Sinne des Koran falsche Gebetsrichtung der Cordobeser Moschee ist laut Torres Balbás der, dass die Qibla-Wand und damit der Mihrab, nach Süden ausgerichtet sind, wie es in syrischen Moscheen üblich war, für die Mekka im Süden liegt.8

Der Ursprungsbau besteht aus elf Moscheeschiffen mit einem breiteren Mittelschiff, deren doppelgeschossige Arkaden von ebenfalls elf parallel verlaufenden Satteldächern überspannt werden. Im Inneren verlaufen die Arkaden über zwölf Joche in Richtung des Mihrab, an der Südseite der Moschee, der später zum Vorbild und Referenzwerk für spätere westislamische Architektur werden sollte.9

Der über die Jahrhunderte mehrfach expandiere Sakralbau ist heute nicht nur einer bedeutendsten Meilensteine islamischer Architektur,10 sondern steht auch sinnbildlich für die Hochzeit der umayyadischen Herrschaft in Südspanien. Während dieser ersten Bauphase ist im Charakter der Moschee deutlich die Vermischung ihrer islamischen Vorbilder, speziell der al-Aqṣā Moschee sowie der Moschee in Damaskus, mit frühchristlichen Architekturtraditionen in Form von Spolien zu erkennen.11

Für eine genaue archäologische bzw. architektonische Analyse der einzelnen Bestandteile der Moschee wird auf Ewert et al., Nieto Cumplido und Hernández Giménez verwiesen, da im Folgenden hauptsächlich die Rekonstruktion des Dachtragwerks im Vordergrund stehen soll. Zu diesem Zweck ist eine umfassende Rekapitulation der darunter liegenden vertikalen Tragwerkselemente nur insofern relevant, dass die Deckenbalken in der auf der doppelgeschossigen Arkade aufgemauerten Wand aufliegen (siehe Kapitel 4). 

Abb. 2. Grundriss der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Rahman I.

2.2 Erste platzbedingte Betsaalerweiterung von 833 bis 848 (219-230 H)

Um mehr Platz im Inneren zu schaffen, wird der Betsaal unter ‘Abd al-Rahman II. um acht Joche nach Süden erweitert.12 Als Ausgleich zur Erweiterung des Betsaals um 2.018 m2, wird der Hof ebenfalls um ungefähr die gleiche Fläche in Richtung Norden verlängert. Damit ist die Cordobeser Moschee zu diesem Zeitpunkt die größte westislamische Moschee und besitzt zumindest für kurze Zeit den größten Betsaal weltweit, bis seine Größe einige Jahrzehnte später durch die Moschee von Samarra, im heutigen Irak, übertroffen wird.13

Knapp 50 Jahre später wird der Mihrab von einer flachen Wandnische zu einer an den Gebetsraum anschließenden Apsis umgebaut. Viele weitere Einzelheiten sind aufgrund späterer Umbauten jedoch bis heute ungeklärt,14 allerdings weist Ewert an dieser Stelle explizit darauf hin, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine Anzeichen für das später hinzugefügte Qibla-Transept gibt.15

Mit dieser typengetreuen Erweiterung beginnt eine über 100 Jahre andauernde Tradition umayyadischer Herrscher, deren eigene bauliche Erweiterungen der Moschee stets das architektonische Erbe ‘Abd al-Rahmans I. in Ehren halten und zelebrieren. In La vida de los edifícios. Las ampliaciones de la Mezquita de Córdoba, erschienen im Jahr 1985, schreibt Rafael Moneo Vallés: 

Die formalen Prinzipien der Moschee von Córdoba waren von Anfang an klar festgelegt und andererseits so endgültig, dass spätere Erweiterungen des Gebäudes keine radikalen Umgestaltungen nach sich zogen. Das künftige Leben eines Gebäudes ist in den formalen Prinzipien, die es ins Leben gerufen haben, implizit enthalten und das Verständnis derselben liefert uns einen Anhaltspunkt, um seine Geschichte zu verstehen […] Als ‘Abd al-Rahman II. die Moschee erweitern wollte, war klar: Die Moschee sollte in Richtung Süden wachsen […] Das Raumgefühl änderte sich nicht und der neue Eingriff wurde ohne grundlegende Veränderungen in den bestehenden Raum integriert.16

Abb. 3. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Rahman II.

2.3 Geopolitisch-motivierte Erweiterung ab 951 (340-340 H)

Um die geopolitische Stellung Córdobas gegenüber dem expandierenden fatimidischen Kalifat in Nordafrika zu stärken, nimmt ‘Abd al-Rahman III. im Januar 929 den Kalifentitel an und plant eine umfassende Erweiterung der Moschee.17 Unter seiner Herrschaft werden jedoch zunächst nur die Sanierung der nördlichen Betsaalfassade und der Neubau eines größeren Minaretts verwirklicht. Letzteres wird aufgrund seiner Monumentalität zum Machtsymbol des Kalifats und zum Vorbild für spätere Minarette in al-Andalus und im Maghreb.18

2.4 Zweite Betsaalerweiterung von 961 bis 971 (350-360 H)

Unter al-Hakam II., dem Nachfolger ‘Abd al-Rahmans III., wird der Betsaal unter Beibehaltung des bisherigen Bauschemas um weitere zwölf Joche nach Süden vergrößert. Besonders hierbei ist das zwei-jochige Qibla-Transept, das den Betsaal in Querrichtung abschließt und von Rippengewölben anstelle der sonst üblichen flachen Holzdecken überspannt wird. Die Erweiterung al-Hakams II. macht damit von modernen abbasidischen Architekturströmungen Gebrauch, während sie die umayyadische Bautradition weiterhin in Ehren hält und fortführt. Beides trägt, laut Giese, zur Stärkung der politischen Stellung Córdobas gegenüber den Fatimiden bei.19

Sowohl aus der Beschreibung Gieses als auch aus dem zuvor erwähnten Zitat von Moneo Vallés geht hervor, dass der zweiten Betsaalerweiterung weiterhin die formalen Prinzipien der ursprünglichen Vision ‘Abd al-Rahmans I. zugrunde liegen. Nieto Cumplido, allerdings, legt großen Wert darauf, diese Bauphase als Wendepunkt in der architektonischen Wirkung des Innenraums hervorzuheben:

Der dekorative Reichtum, der weder erdrückt noch blendet, ist die Verkörperung eines großartigen, reinen und klaren Denkschemas. Wir haben es nicht mehr, wie in der ersten Moschee von ‘Abd al-Rahman, mit einer recht improvisierten und naiven Kunst zu tun, mit der Rauheit unreifer Früchte, die gerade deshalb und wegen ihrer klassischen Essenzen so fesselnd ist. Jetzt haben wir es mit einer reifen, raffinierten, exquisiten Kunst zu tun, wie der Kalif selbst, der sie ins Leben rief. Was wir an Hellenismus verloren haben, haben wir an magischen orientalischen Werten gewonnen, an mesopotamischen Akzenten, an fröhlichen und geheimnisvollen Kontrasten von Licht und Schatten.”20

Mit der erneuten Verlängerung des Betsaals um 44,46 m (innen) nach Süden, wird Platz für weitere 6.287 Betende geschaffen. Da der Hof zum ersten Mal nicht ebenfalls erweitert wird, ist die Fläche der Moschee nun zum ersten Mal ungleich zwischen Betsaal und Hof unterteilt. Insgesamt beträgt die Nutzfläche nach dem Eingriff al-Hakams II. 13.875,75 m2.21

Der Aufbau des Dachtragwerks im Erweiterungsbau von al-Hakam II. richtet sich, mit Ausnahme des Querschiffs, nach der im 8. Jahrhundert von ‘Abd al-Rahman I. vorgegebenen Konstruktionsweise. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wird jedoch die ursprüngliche Kassettendecke entfernt und durch Gewölbe ersetzt, welche im späten 19. Jahrhundert wiederum größtenteils von Ricardo Velázquez Bosco abgebaut und durch ein Metallgerüst ersetzt werden  (siehe Kapitel 4.3).22 Die ursprüngliche Dachkonstruktion ist heute, knapp 1.200 Jahre später, nicht zuletzt deswegen so interessant, weil sie aufgrund der vielen Umbauten so gut wie verloren ist, sondern weil etliche Generationen umayyadischer Herrscher ihre Tradition entgegen jeglichen Strebens nach Innovation treu fortführten. Der Wunsch, diejenige Vergangenheit zu rekonstruieren, welche wir heute als Vorbild und Ausgangspunkt vieler Jahrhunderte islamischer Architektur anerkennen, ist die Grundlage dieses Aufsatzes.

Abb. 4. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Hakam II.

2.5 Finale Expansion von 987 bis 988  (377–378 H)

Da der Nachfolger al-Hakams II., Prinz al-Hišām II., mit nur elf Jahren zunächst als unmündiger die Herrschaft als Kalif antritt, wird die finale räumliche Erweiterung der Moschee unter der Aufsicht des damaligen Polizeichefs und Großkämmerers Muhammad Ibn Abī ʿĀmir vorgenommen.23 Dieser ist sich seines Einflusses auf den noch sehr jungen Kalifen bewusst und nutzt dessen eigene Reichtümer, um ihn mit Versuchungen sukzessive zu manipulieren, um diese in Gewohnheiten und schließlich in Laster zu verwandeln. Nach intensiven Machtkämpfen, so berichtet Nieto Cumplido, liegt die politische Macht über Islamisch-Spanien ausschließlich „in den Händen eines ebenso brillanten wie skrupellosen Diktators, dem gefürchteten Muhammad Ibn Abī ʿĀmir“.24

Die Expansion der Moschee in Richtung Osten beinhaltet die Vergrößerung des Betsaals um acht weitere Schiffe sowie die dazugehörige Erweiterung des vorgelagerten Hofs. Im Zuge des Umbaus verzichtet Ibn Abī ʿĀmir bewusst darauf, die ursprüngliche Position des Hauptschiffs und des Mihrab in die Mitte des resultierenden, 19-schiffigen Baus zu setzen, um die Macht des rechtmäßigen Kalifen, zumindest nicht öffentlich, anzufechten. Auch das Qibla-Transept wird im Erweiterungsbau bewusst nicht fortgeführt, um sich der eigentlichen Kalifenmoschee al-Hakams II. visuell unterzuordnen. Während des Umbaus kommt es zu keiner Weiterentwicklung der Bautraditionen, da die unter al-Hakam II. entwickelten Praktiken weitestgehend übernommen werden. Darüberhinaus nähert sich der Innenraum mit der Erweiterung in Richtung Osten wieder der ursprünglichen, quadratähnlichen Grundform an.25 Nach der Fertigstellung erreicht die Gesamtfläche des Gebäudes knapp 22.400 m2 und bietet Platz für etwa 40.000 Gläubige.26

Auch wenn die Entscheidung, die kalifale Bautradition fortzuführen eher vom politischen Geschick Ibn Abī ʿĀmirs motiviert zu sein scheint, muss doch die Tatsache hervorgehoben werden, dass die Cordobeser Moschee zu diesem Zeitpunkt bereits ein wahres Wunder islamischer Architektur ist, das seinen Nachfolgebauwerken über Jahrhunderte als Referenzwerk dienen würde. Damit ist sie heutzutage, zumindest in architektonischer Hinsicht, ein Mahnmal gegen unsere moderne Tendenz zum Ikonoklasmus.

Abb. 5. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter al-Hišām II. bzw.  Muhammad Ibn Abī ʿĀmir.

KAPITEL 3: GEBÄUDEABSCHNITT

Da in dieser Arbeit der ursprüngliche Zustand des Daches der Moschee im Fokus steht, beschränken wir uns in der detaillierten Untersuchung auf die ersten beiden Bauphasen. Alle nachfolgenden Erweiterungen orientieren sich in ihrem Rhythmus, Säulenabstand und ihrer Konstruktionsweise an den Gründungsbau. Auch rund zweihundert Jahre später werden keine neuen Konstruktionspraktiken eingeführt – ein Hinweis auf die Raffinesse und den nachhaltigen Einfluss der ursprünglichen Baumeister der Cordobeser Moschee.

Der unter ‘Abd al-Rahman I. zwischen 785 und 787 n. Chr. (169 – 170 H) errichtete Gründungsbau ist noch nahezu quadratisch. In der nördlichen Hälfte des Baus befindet sich der offene Hof, während die südliche bebaute Hälfte den etwa 38 Meter tiefen und zu diesem Zeitpunkt noch elfschiffigen Betsaal beherbergt. Das mittig gelegene Hauptschiff ist dabei etwas breiter und höher als die seitlich gelegenen Nebenschiffe. An der Südwand des Hauptschiffs ist der Mihrab angeordnet. Spätere Erweiterungen ergänzen den Ursprungsbau. Die etwa 50 Jahre später unternommene zweite Bauphase erweitert den Betsaal lediglich um acht Joche nach Süden und den Hof in gleicher Länge nach Norden, ohne dabei die Grundordnung zu verändern. Selbst durch die Erweiterung um acht weitere Schiffe nach Osten unter al-Hišām II, wird die Position des Hauptschiffes inklusive Gebetsnische nicht angefochten, was zum Verlust der Symmetrie im Inneren des Gebetsraums führt (siehe Kapitel 2.5). 

Aufgrund dieser Konstanten im Bau der Moschee sowie der Relevanz des Hauptschiffes innerhalb des Gebäudes, reicht es aus, eines der Joche des Hauptschiffes genauer zu untersuchen (siehe Abb. 6). Das Segment, das im Modell rekonstruieren ist das von der Nordwand aus gezählt siebte Joch im Hauptschiff. Es liegt zentral im Ursprungsbau und ist damit als repräsentativ für die übrigen Joche anzunehmen. Zudem wird der vertikale Raumabschluss in diesem Abschnitt nicht von nachträglich eingebauten Gewölben verdeckt. 

Abb. 6. Grundriss der Cordobeser Moschee-Kathedrale nach der letzten Erweiterung (mit Maßen nach Félix Hernández Giménez). Markierung: Im Modell dargestellter Ausschnitt.

1981 veröffentlichten Christian Ewert und Jens-Peter Wisshack Pläne nach einem Aufmaß von Félix Hernández Giménez, aus denen wir präzise Maße beziehen (siehe Abb. 7 & 8).27 Demnach beträgt der Achsabstand der Säulen in Richtung der Arkade 3,04 m bzw. 7,825 m quer über die Breite des Joches. Die Säulen stehen auf 28,5 cm hohen Basen und besitzen inklusive Kapitell und Kämpfer eine Höhe von 3,95 m. Darauf folgt der erste, hufeisenförmige Bogen mit einem Innendurchmesser von 1,20 m sowie der zweite Bogen in einer Höhe von 6,335 m mit einem Durchmesser von 1,235 m. Die anschließende massive und 1,07 m starke Wand endet bei 9,805 m mit einer Mauerkrone, die von den Aussparungen für Balkenköpfe gebildet wird. 

Von der darauf aufliegenden Dachkonstruktion ist keines der Gespärre vollständig erhalten, was den christlichen Umbauten und Restaurationsversuchen im späten 19. Jahrhundert zuzuschreiben ist. Daher können für die ursprüngliche Konstruktion nur Annahmen getroffen werden, die wir im Folgenden durch Hinweise aus der Fachliteratur sowie durch logisch-konstruktive Schlussfolgerungen begründen werden.

Abb. 7. Heutiger Grundriss der Cordobeser Moschee-Kathedrale mit kirchlichen Einbauten, Säulendurchmesser übertrieben dargestellt.
Abb. 8. Aufriß und Schnitt der deckentragenden Elemente im Gründungsbau der Cordobeser Moschee-Kathedrale (mit Maßen nach Félix Hernández Giménez).

KAPITEL 4: DAS DACHTRAGWERK DER MOSCHEE VON ‘ABD AL-RAHMAN I.

Als Folge der zahlreichen Erweiterungen unter islamischer und später christlicher Herrschaft sowie den anhaltenden Restaurierungsprojekten, angefangen im späten 19. Jahrhundert, muss die Moschee-Kathedrale beim Versuch ihren formal-konstruktiven Charakter zu erforschen und zu rekonstruieren unbedingt als ein sich ständig wandelnder Organismus verstanden werden. Solch ein holistischer Ansatz im Hinblick auf die diversen historischen, politischen und kulturellen Umstände ihrer konstruktiven Meilensteine ist grundlegend für das architektonische Verständnis und die Erhaltung einer gewissen Authentizität in der räumlichen Wahrnehmung des Sakralbaus.

Für unsere Rekonstruktion des ursprünglichen Dachtragwerks der Moschee von ‘Abd al-Rahman I. verwenden wir in erster Linie spanisch-sprachige Primärquellen, die wiederum Bezug auf islamische Berichte bis zurück ins 10. Jahrhundert nehmen oder, wie im Fall von Félix Hernández Giménez, eigene archäologische Studien am Objekt durchführten. Darüber hinaus sind die umfassenden Restaurierungsarbeiten an der Moschee-Kathedrale während des 20. Jahrhunderts in der 2015 erschienenen Monografie Teoría y Practica de la Restauración de la Mezquita-Catedral de Córdoba durante el Siglo XX von Sebastián Herrero Romero ausführlich beschrieben.

4.1 Hintergründe

Erste Hinweise über das ursprüngliche Dach werden im 19. Jahrhundert im Bereich der Erweiterung von al-Hakam II. gefunden, wobei man davon ausgeht, dass die Konstruktion des Tragwerks in diesem Bereich der des Gründungsbaus entspricht. Während des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts wird hier die Kassettendecke abgebaut und die Wand um 1,20 m erhöht.28 Der Grund für diesen Umbau sind die baufälligen Dächer der — zu diesem Zeitpunkt — christlichen Kathedrale, deren flache Kassettendecke zum Teil durch falsche Gewölbe aus Gips und Schilf, nach dem zu dieser Zeit modernen barocken Stil ersetzt wird. Unter der Bevölkerung erfährt diese neue Ästhetik großen Zuspruch und wird daraufhin zwischen 1713 und 1723 in den restlichen Schiffen reproduziert.29

Eine solche Erhöhung der Wand war bereits Ende des 15. Jahrhunderts während der Errichtung der Kreuzrippengewölbe über der Kapelle San Clemente am südlichen Ende der Erweiterung von al-Hišām II. erfolgt und es wird angenommen, dass der Umbau sowohl durch den Radius der Gewölbe als auch durch die Notwendigkeit eines tieferen Abflusskanals motiviert ist. Der Grund für diese Annahme ist das geringe Fassungsvermögen der ursprünglichen, unter dem nachträglich aufgebrachten Mauerwerk gefundenen Rinne, das wohl dazu geführt hatte, dass die Balkenköpfe, die in ständigem Kontakt mit dem Wasser standen, leicht verfaulten und dass bei starkem Regen das Wasser überlief und in das Innere der Moschee eindrang, wo es zu Schäden am Holz führte.30 Diese Schlussfolgerung ergibt Sinn, da das originale Holz der Decke beim Einbau der Gewölbe vollständig erneuert wird.31 Die Notwendigkeit eines Abflusskanals zwischen den Giebeldächern aufgrund der klimatischen Unterschiede zwischen den Regionen erklärt auch die mit 1,07 Metern im Vergleich zu anderen syrischen Moscheen deutlich dickeren Wände zwischen den Schiffen.32

Im Zuge der Umbauarbeiten werden Teile der Balken und Bretter für das neue Gebälk wiederverwendet. Einige dieser aufbereiteten Balkenstücke werden erstmals im Jahr 1841 vom Künstler und Gelehrten Philibert Girault de Prangey gefunden und veröffentlicht. Im Jahr 1875 entdeckt der Architekt Rafael de Luque y Lubián während seiner Restaurierungsarbeiten weitere Elemente der ursprünglichen Kassettendecke, die man im Dach des 18. Jahrhunderts wiederverwendet hatte. Etwas später, mit dem Abriss der Gewölbe unter der Leitung des Architekten Ricardo Velázquez Bosco ab 1891, kann dann erstmals eine signifikante Anzahl von Überresten der Originalkonstruktion geborgen werden.33 Insgesamt findet man hierbei 20 Balkenfragmente und 160 Bretter, aus deren Untersuchung hervorgeht, dass es sich dabei um Bestandteile des selben Daches handelt.34 Unter den Fundstücken befinden sich sechs Balken und 62 Bretter mit unterschiedlichen Verzierungen, deren Stil auf die Herrschaft von al-Hakam II. datiert wird.35

Man geht davon aus, dass die Konstruktion des Daches im letzten Erweiterungsbau der Struktur und Dekoration des einige Jahre zuvor errichteten Anbaus von al-Hakam II. entspricht, der wie zuvor erwähnt, bis auf die Sonderkonstruktion im Qibla-Transept, der Bauweise des Gründungsbaus ähnelt. Damit gehen wir davon aus, dass jegliche Erkenntnisse über das Dach im 10. Jahrhundert, unter Berücksichtigung kleinerer Unterschiede, auch auf das Dach der ursprüngliche Moschee von ‘Abd al-Rahman I. übertragbar sind.

Zusammengefasst stützt sich unsere Rekonstruktion des originalen Dachtragwerks also auf die im 19. Jahrhundert geborgenen Originalbauteile und deren Studie durch Velázquez Bosco und später Hernández Giménez, dessen Arbeit wiederum gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch Torres Balbás und schließlich durch Nieto Cumplido aufgearbeitet wurde.

4.2 Konstruktion

Laut Torres Balbás wird die Moschee während der Herrschaft von ‘Abd al-Rahman I. von einzelnen Giebeldächern überspannt und nicht wie ursprünglich von Velázquez Bosco angenommen von einem Flachdach, wie beispielsweise bei der großen Moschee von Kairouan. Diese Vermutung lässt unter anderem die im vorherigen Abschnitt erwähnten und unumstrittenen Abflussrinnen auf den Mauern zu, die im Fall einer solchen Konstruktion das Wasser zweier angrenzender Giebel auffangen würden.36 Dass die Mauern oberhalb der Arkaden im oberen Bereich eine Stärke von 1,07 Metern aufweisen und damit deutlich überproportioniert wären, sollte es keine Rinnen geben, spricht ebenfalls für Regenwasserkanäle und gegen die These ihrer nachträglichen Ergänzung.

Aus der Annahme eines Giebeldaches geht wiederum die Notwendigkeit einer Konstruktion als Sparren- oder Pfettendach hervor. Die bei Restaurierungsarbeiten gefundenen Balken weisen meist Spuren von Mehrfachverwendungen auf, was eine eindeutige Zuweisung erschwert. Dennoch lassen sich unter den Fundstücken Sparren mit abgeschrägten Enden sowie Zerrbalken mit passenden Aussparungen ausmachen (siehe Abb. 9 & 10). 

Abb. 9 & 10. Geborgene Balken und Sparren, ausgestellt im Patio de los Naranjos.

Über den genauen Grad der Dachneigung gab es lange Zeit kein einheitliches Bild. Nieto Cumplido tendiert noch zur Annahme recht flacher Satteldächer, welche kaum von außen sichtbar gewesen wären.37 Cabañero und Herrera hingegen, gehen nach Untersuchungen der Aussparungen an den Balkenköpfen von einem deutlich steileren Winkel aus. Ihnen zufolge saßen die ursprünglichen Sparren mit einer Neigung von 42,8 Grad auf den Deckenbalken auf.38 Fast alle der in Córdoba ausgestellten Holzbalken weisen optisch etwa einen solchen Winkel auf, dennoch ist eine so präzise Angabe der Gradzahl für uns durchaus schwer zu überprüfen.

Während der Restauration unter der Direktion von Velázquez Bosco werden nicht nur Überreste der originalen Holzbauteile gefunden, sondern auch wichtige Erkenntnisse über die ursprüngliche Konstruktion der Decke gewonnen. So findet man zusätzlich zu den von Hernández Giménez untersuchten Balken mit einem Querschnitt von 20 x 27 cm auch kleinere Balken, deren Querschnitt von 13 x 21 cm genau in die unterhalb der Aufmauerung der Wände zutage getretenen Aussparungen passt (s. Abb. 11). Aus der Untersuchung der Balkenauflager schließt man wiederum, dass es sich bei dem vertikalen Raumabschluss um eine flache Kassettendecke gehandelt habe, die auf Deckenbalken mit einem Achsabstand von 85 cm auflag.39 Die Angaben zur ursprünglichen Höhe der Kassettendecke variieren je nach Quelle und Standort im Gebäude, scheinen jedoch etwa 9,50 Meter vom ursprünglichen Boden entfernt gewesen zu sein, wobei dieser laut den Messungen von Hernández Giménez 28,5 cm unter dem heutigen Bodeniveau liegt.40

Abb. 11. Spuren des ursprünglichen Daches über der Wand eines der Moscheeschiffe von ‘Abd al-Rahman I. aus dem 18. Jahrhundert, 1975.

Aufgrund der Position, in der einige der Balken gefunden werden sowie durch ausführliches Abwägen hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit anderer Möglichkeiten, kommt Hernández Giménez zu dem Schluss, dass es sich bei der Deckenkonstruktion um Balken (span. vigas) handelt, die quer zur Laufrichtung der Schiffe in den o.g. Aussparungen der Wänden aufliegen und von parallel dazu verlaufenden Holztafeln (span. tableros) bedeckt sind..41

Die tableros bestehenaus mehreren 33 mm dicken Kiefernholzbrettern, die auf der Oberseite mit Holzlatten (78 x 56 mm) im Abstand von 63 cm zusammengehalten werden. Die Unterseiten der tableros sind — genau wie die beiden Seiten sowie die Unterseite der Balken — ebenfalls reichlich verziert. Im Gegensatz zu den Balken sind bei den tableros bis heute aufgrund der hohen Qualität des Holzes nur die Enden von der feuchtigkeitsbedingten Fäulnis betroffen, während der Rest in hervorragendem Zustand erhalten ist. Die zwischen 76 und 84 cm breiten Tafeln sind entweder aus fünf 16 cm breiten Brettern oder vier 20 cm breiten Bretten zusammengesetzt, wobei es auch gemischte Konstellationen gibt.42

Auf Grundlage der Arbeit von Velázquez Bosco, der es vor seinem Tod nicht mehr schafft, die Decke vollständig zu rekonstruieren, gelingt es Hernández Giménez die grobe Struktur der Kassetten relativ genau nachzuvollziehen (s. Abb. 12 & 13), deren lange Seiten durch die jeweilige Innenseite der Balken gebildet werden, während die kurzen Seiten von Brettchen (span. tábicas, tabletas oder auch tablillas) zwischen den Balken geschlossen sind. Darüber hinaus findet man ein schmaleres tablero mit einer Breite von 51 cm, dessen Verzierung sich über eine Breite von 45 cm erstreckt, was genau der Länge der unverzierten Balkenköpfe entspricht. Da das tablero an einer seiner langen Kanten ebenfalls Verzierungen aufweist, geht man davon aus, dass diese sichtbar im Raum gelegen haben muss und das tablero mit der gegenüberliegenden, unverzierten Kante an der Wand lag. Hernández Giménez platziert das tablero quer unterhalb der unverzierten Balkenenden, wo es mit der tábica zwischen den Balken abschließt, deren Außenseiten etwa. 47 cm von der Wand entfernt liegen, was ungefähr mit der verzierten Fläche des tableros übereinstimmt. Der unverzierte Rand könnte laut al-Idrisi auf einem mit Koranversen verzierten hölzernen Fries geruht haben.43

Abb. 12. Rekonstruktion des Daches im Schnitt von Félix Hernández Giménez.
Abb. 13. Rekonstruktion des Daches in Perspektive von Félix Hernández Giménez.

Etwas später werden vier ausreichend gut erhaltenen Balken gefunden, die eine um 45° geneigte Kerbe an der Stelle zeigen, an der Hernández Giménez das vertikale Brettchen vorgesehen hatte. Aufgrund dieses Fundes gelingt es Nieto Cumplido in einer der ursprünglichen Vorstellung von Hernández Giménez sehr ähnlichen Rekonstruktion noch die Neigung der tábica zu korrigieren.44 (Siehe Abb. 14.)

Abb. 14. Rekonstruktion des Daches von Manuel Nieto Cumplido, links: nach der Erhöhung der Wände, rechts: ursprüngliche Konstruktion.

Gemäß dieser neuen, allgemein akzeptierten Version des Daches, bilden die Querbalken der Kassettendecke jeweils den unteren Teil eines Gespärres, dessen Sparren die beiden Dachflächen abbilden.45 Damit ist die Decke über den Schiffen nicht nur ein dekoratives Element, sondern Teil des Dachtragwerks; eine Sichtweise, die Velazquez Bosco zwar geteilt haben mag, von der er allerdings in seinem Modell für die Restaurierung des Daches deutlich Abstand nimmt.

Über die genaue Konstruktion des Dachstuhls sind zwar kaum explizite Informationen zu finden, allerdings reichen die spärlichen Hinweise aus, um fundierte Annahmen über die Fügung der Bauteile zu treffen. Zum Beispiel geht aus einem überlieferten Bericht des cordobesischen Historiker Ibn Baskuwal hervor, dass die Dächer der Moschee zumindest während des. 12. Jahrhunderts mit Dachziegeln eingedeckt waren.46 Da es ansonsten keine Anzeichen auf einen vorherigen baulichen Eingriff gibt, während dem der Dachbelag geändert oder explizit erwähnt wird und darüber hinaus bereits argumentiert wurde, dass man die Dachkonstruktion der Erweiterung im 10. Jahrhundert nach dem Vorbild des Gründungsbaus geplant hatte, gehen wir davon aus, dass auch die Moschee ‘Abd al-Rahmans I. von Dachziegeln bedeckt gewesen sein muss.

Die Verwendung von Dachziegeln bedingt wiederum eine Art Unterkonstruktion, die die Sparren in der Ebene schließt. Während seiner Arbeit an den Gewölben entdeckt Luque Lubián eben diese Unterkonstruktion in Form von sogenannten tablazones (sing. tablazón), für die die ausgemusterten tableros der ursprünglichen Kassettendecke verwendet wurden.47 Außerdem findet man mehrere Deckenbalken, deren morsche Balkenköpfe entfernt und die brauchbaren Reste jeweils zweier Balken geschäftet und im Dachstuhl als Sparren wiederverwendet wurden.48 Diese Schaftverbindungen sind in einigen der heute noch erhaltenen Balken zu sehen (siehe Abb. 9 & 10), genauso wie weitere Einkerbungen, bei denen wir davon ausgehen, dass es sich dabei um die Verbindungsstelle eines Kehlbalkens handelt, welcher die Sparren bei ca. zwei Dritteln ihrer Länge abstützt. Eine solche Konstruktion ist auch auf den Fotos einer Sanierung des Daches über dem Schiff °1 von 1990 zu sehen (siehe Abb. 15). Obwohl man nur aufgrund der Fotos noch nicht direkt auf die Konstruktion im 8. Jahrhundert schließen kann, vor allem weil sämtliche noch erhaltenen Holzbauteile über die Zeit mehrfach bearbeitet und recycelt wurden, halten wir es für wahrscheinlich, dass es sich bei der originalen Konstruktion um eine antike Form eines Kehlbalkendachs handelt.

Abb. 15. Sanierung des Daches von Schiff °1, 1990.

Einige der Sparren in den Abbildungen 9 und 10 zeigen einen doppelten Fersenversatz am unteren Ende, mit dem sie, wie von Nieto Cumplido angenommen,49 auf den Deckenbalken aufgelegen haben sowie einen glatten Schnitt an der anderen Seite, die dementsprechend zum First gehört. Während zu der Verbindung zwischen Deckenbalken und Sparren außer diesem optischen Hinweis keine Informationen zu finden sind, spricht Herrero Romero an zwei Stellen explizit von einer cubierta de par e hilera, was so viel wie Überdachung aus Sparren und Richtbohle bedeutet.50 Eine solche Richtbohle befände sich am First zwischen zwei flach abgeschnitten Sparren, was uns unter Berücksichtigung der Fundstücke zu der Annahme verleitet, dass es sich hierbei tatsächlich um die ursprüngliche Konstruktionsweise des Daches handelt.

4.3 Restaurierungsarbeiten

Auf die zahlreichen islamischen Erweiterungen und christlichen Umbauten der Moschee-Kathedrale folgen ab dem 19. Jahrhundert etliche Restaurierungsarbeiten, welche ebenfalls großen Einfluss auf das heutige Erscheinungsbild des Bauwerks haben. Am weitreichendsten sind die Arbeiten unter Velázquez Bosco ab 1981. Die von ihm verfolgten Bestrebungen den islamischen Ausdruck des Gebäudes wiederherzustellen, werden unter Inkaufnahme von z.T. schweren Eingriffen in die Originalsubstanz ausgeführt. Um die hölzerne Decke wieder-herzustellen, lässt man Teile der barocken Tonnengewölbe und Satteldächer abreißen. Dabei werden zwar einige der ältesten, noch erhaltenen Bauteile der Dachkonstruktion gefunden, allerdings nicht für die Rekonstruktion wiederverwendet. Da Velásquez Bosco zu diesem Zeitpunkt noch von einem Flachdach während den ersten Bauphasen ausgeht, sieht er Decke und Dach als voneinander getrennte Systeme an. Die Deckenbalken werden lediglich als Tragkonstruktion der tableros betrachtet und ihre Funktion als Zerrbalken komplett vernachlässigt. Eine Annahme, die eine Eisenkonstruktion im Dach notwendig macht. Auch die Aufstockung der doppelgeschossigen Betsaalarkaden zur Vertiefung der Wasserrinne im frühen 18. Jahrhundert wird trotz offensichtlicher Spuren nicht hinterfragt. Dadurch auftretende Fragen im Bereich der Auflagerzone der Decke kann Velázquez Bosco aufgrund fehlender Befunde ebenfalls nicht lösen, weshalb er die seitlichen Auflager der Decke oberhalb der Arkaden in seinen Ausführungen auffällig vernachlässigt. Diese und weitere Fehlinterpretationen bezeichnet Giese als „eine solch schwach fundierte Rekonstruktion der ursprünglichen Decke [, die] sicherlich sinnvoller auf Papier gewesen bzw. geblieben [wäre].51

Etwas unvoreingenommenere Stimmen in Spanien klagen in erster Linie darüber, dass Velázquez Bosco vor seinem Tod nicht mehr die Gelegenheit hatte, seine Forschungsergebnisse in Gänze zu präsentieren um damit seine Restaurierungspraxis zu rechtfertigen.52 Des Weiteren trifft Velázquez Bosco seine Entscheidung, Decke und Dachstuhl statisch von einander zu trennen und letzteren als Stahlkonstruktion auszuführen als Vorsorge gegen erhebliche Schäden im Brandfall.53 (siehe Abb. 16 & 17)

Abb. 16. Dachstuhl der Rekonstruktion von Velázquez Bosco.
Abb. 17. Drei-Tafel-Projektion der Restauration unter Velázquez Bosco.

Für eine ausführliche Beschreibung der Restaurierung verweisen wir auf das Werk von Herrero Romero. Jedoch lässt sich zusammenfassend sagen, dass Velázquez Bosco wohl nicht die Rekonstruktion des ursprünglichen Dachtragwerks im Sinn hatte, sondern vielmehr das Sicherstellen von Originalbauteilen sowie das Wiederherstellen eines authentischen  Raumeindrucks zu islamischen Zeiten. Obwohl dabei elementare Fragen des Denkmalschutzes, wie der Umgang mit Materialien und Bautechniken, aber auch die Einordnung und Relevanz späterer baugeschichtlicher Epochen vernachlässigt werden, ist gleichzeitig der Wille durchaus lobenswert, dieses einzigartige Bauwerk vor irreversiblen Schäden im Falle eines Brandes zu schützen. Wir gehen davon aus, dass Velázquez Bosco, bei seinem Versuch, die einstige Pracht der Moschee wiederherzustellen wohl nach bestem Wissen und Gewissen, jedoch auf Grundlage lückenhafter und zum Teil falscher Informationen handelte. Nichtsdestotrotz sehen wir die Restaurierungspraxis Velázquez Boscos aus historisch-architektonisch Sicht als kritisch an. Erst unter der Betreuung durch Hernández Giménez findet der Ersatz von Originalfragmenten durch großflächige Attrappen sein Ende, womit grundlegende Aspekte des Bewahrens und der Forschung wieder einen höheren Stellenwert im denkmalpflegerischen Umgang mit der Mezquita erhalten. 

Das im März 1973 vom Architekten Víctor Caballero Ungría vorgelegte Projekt für die Restaurierung der Kassettendecke stützt sich im Wesentlichen auf die zuvor erwähnte archäologische Studie von Hernández Giménez.54

4.4 Rekonstruktion am Modell

Das Modell im Maßstab 1:20 bietet die Möglichkeit relativ schnell unterschiedliche Varianten der Konstruktion zu testen, ohne die Bauteile zu stark vereinfachen zu müssen. Der Detailgrad ermöglicht das Herstellen der einzelnen Bauteilfügungen mit händischen Mitteln, was ein Nachvollziehen der damaligen Baupraktiken leichter macht. Zudem kann durch das Darstellen der gesamten Raumhöhe der Raumeindruck nachvollzogen werden. Das Bodenniveau setzen wir entgegen dem heutigen Zustand wieder um 28,5 cm auf die ursprüngliche Höhe ab und zeigen somit die heute kaum noch sichtbaren Basen der Säulen. 

Als Material für unsere Rekonstruktion verwenden wir Vollholz bzw. Holzfurnier. Der Grund ist einerseits, dass das hier im Vordergrund behandelte Tragwerk des Daches im Original ebenfalls aus Holz besteht und andererseits, weil hierdurch eine gewisse Ästhetik durch Einheitlichkeit gewahrt wird ohne den Fokus vom Dachstuhl abzulenken. Nichtsdestotrotz stellen wir die unterschiedlichen Farben der Steine, die die Arkadenbögen bilden, durch das Bemalen des Holzes mit Pigment dar. Wie eingangs erwähnt, ist eine detaillierte Betrachtung der vertikalen Bauteile hier nicht von Belang, weshalb wir diese deutlich vereinfacht darstellen. Das betrifft vor allem die Säulenkapitelle, deren abstrakte Form wir nachempfunden haben, jedoch ohne dabei jegliche Verzierungen zu berücksichtigen. Bei der Wahl des Holzes beschränken wir uns auf weiche Nadelhölzer, in den meisten Fällen Kiefer. Die Hölzer unterscheiden sich kaum in Farbe und Maserung und geben durch ihre zurückhaltende Struktur keinen Maßstab vor, wie es einige Laubhölzer aufgrund ihrer stärkeren Maserung tun würden. 

Letztendlich ist uns nicht eindeutig klar, ob die Moschee von ‘Abd al-Rahman I. von Deckenbalken mit einem Querschnitt von 20 x 27 cm oder 13 x 21 cm überspannt wurde (s. Kapitel 4.2). Für unsere Rekonstruktion gehen wir von Letzterem aus, wobei der Querschnitt der Sparren dem der Balken entspricht. Es macht unserer Einschätzung nach keinen Unterschied für die Konstruktion, welchen Querschnitt die Balken und Sparren tatsächlich hatten, weshalb wir uns bei der Wahl der Balken nach der Größe ihrer Auflager in den Aussparungen der Wand richten. Des Weiteren sind sowohl die größeren Balken (20 x 27 cm) als auch die tableros mit Schnitzereien verziert, deren Ursprung auf das 10. Jahrhundert zurückgeht,55 während die kleineren Balken (13 x 21 cm) nur mit polychromen Bemalungen verziert sind, die auf das 13. bis 14. Jahrhundert datiert werden.56 Damit stammt keines der Fundstücke aus der Zeit des Gründungsbaus, wobei die Bemalung der kleineren Balken laut Nieto Cumplido wohl auf noch älterer, islamischer Verzierung aufgetragen wurde,57 was die Datierung des eigentlichen Bauteils nur anhand seiner Bemalung wiederum unmöglich macht.

Uns erscheint die Annahme logisch, dass im 8. Jahrhundert noch bemaltes Holz eingesetzt und erst später mit aufwändigeren Schnitzereien gearbeitet wurde. Der Grund hierfür ist, dass ‘Abd al-Rahman I. seine Moschee auf den Fundamenten der ehemaligen Behelfsmoschee in der Kirche San Vicente erbauen ließ, was bedeutet, dass das Freitagsgebet während des Baus vorübergehend an einem anderen Ort stattgefunden haben muss. Es liegt daher nahe, dass man die Bauzeit der Moschee nicht unnötig in die Länge ziehen wollte, was erklären könnte, warum diese innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt wurde, während die erste Erweiterung unter ‘Abd al-Rahman II. ganze 15 Jahre in Anspruch nahm. Dazu kommt, dass man ursprünglich ausschließlich Spolien verwendete und erst mit der Erweiterung der Moschee anfing, eigene islamische Säulenkapitelle herzustellen.58 Ein ähnlicher Ansatz könnte unser Meinung nach auch bei der der Verzierung der Holzbauteile verfolgt worden sein, die zunächst aus Zeitgründen nur bemalt wurden. Als dann bereits eine Moschee als Ort für das Freitagsgebet existierte, stünde die Zeit zur Verfügung sowohl aufwendige Steinmetzarbeiten als auch Holzschnitzereien zu verfolgen. Darüber hinaus erscheint es uns nicht wahrscheinlich, dass sich die architektonische Pracht einer Kalifenmoschee der einer Emirenmoschee unterordnen würde. 

Demgegenüber steht allerdings, dass sich Hernández Giménez äußerst sicher zu sein scheint, dass die ursprüngliche Kassettendecke von Deckenbalken mit einem Querschnitt von 20 x 27 cm getragen wurde, was weder von Torres Balbás noch von Nieto Cumplido explizit infrage gestellt wird. Trotz allem haben wir Zweifel, zum Einen, weil Hernández Giménez die kleineren Balken an keiner Stelle erwähnt und auch ansonsten in seiner Rekonstruktion nicht immer richtig liegt und zum Anderen, weil wohl beide Balkenquerschnitte zu irgendeinem Zeitpunkt und an irgendeinem Ort als Deckenbalken verwendet wurden. Wie gesagt machen die Maße der Balken für unsere Rekonstruktion keinen erheblichen Unterschied, weshalb einer etwaigen Korrektur zu einem späteren Zeitpunkt nichts im Wege stünde. 

Die Wahl des Balkenquerschnitts bedingt also auch die Art der Verzierung, weshalb wir sowohl die Balken als auch die Holztafeln (tableros und tábicas) mit originalen Mustern versehen, die wir von den geborgenen Fundstücken digital abgezeichnet, ausgedruckt und mittels Aceton auf das Holz übertragen haben. Bei den von uns im Modell verwendeten Motiven auf den Balken und tableros handelt es sich um Fundstücke, die von Hernández Giménez in seiner 1928 erschienenen Monografie veröffentlicht wurden.59 Die Bauteile wurden zwar in der Mezquita gefunden, lassen sich jedoch nicht sicher zu einer bestimmten Bauphase zuordnen. Die Aufdrucke im Modell stehen damit nur stellvertretend für diverse Schnitzereien und Bemalungen, mit denen die Decke in den verschiedenen Bauabschnitten verziert wurde. 

Wir gehen davon aus, dass die Kassettendecke den Raum vollständig abschloss und die auf den Fotos zu sehenden Verzierungen der Sparren entweder daher stammen, dass es sich dabei um wiederverwertete Deckenbalken handelt oder daher, dass man die Sparren ebenfalls verziert hat, obwohl diese nicht sichtbar waren. Ersteres erscheint uns logischer, weshalb wir die Sparren im Modell unverziert darstellen.

Die genaue Position der Verbindungsstelle von Balken und Sparren ist nicht dokumentiert und wegen des schlechten Zustands der Balkenköpfe auch nicht mehr nachvollziehbar. Wir vermuten die Position des Fersenversatzes jedoch ein kleines Stück vor der Mauer, d.h. nicht unmittelbar innerhalb der Wandauflager. Der Grund ist eine bessere Erreichbarkeit während etwaiger Arbeiten am Dach, wie z.B. das Ersetzen einzelner Sparren.

Den in Abschnitt 4.2 erwähnten hölzernen Fries, auf dem der untere Abschluss der Kassettendecke ruht und der laut al-Idrisi mit Koranversen versehen war, stellen wir in dieser Form nicht im Modell dar, da uns sowohl der Umgang mit religiösem Material als auch das Ersetzen von Koranversen durch willkürliche Muster in diesem Kontext als unpassend vorkommt. Stattdessen ist die äußere Wandschicht durchgehend dargestellt und entspricht der Putzschicht, die heute in den meisten Schiffen zu sehen ist.

Des Weiteren verzichten wir in unserer Rekonstruktion auf einen Dachbelag, da dieser zum Einen kein Teil des eigentlichen Tragwerks ist und zum Anderen die Sicht in den Dachstuhl verdecken würde.  

Abb. 18 bis 24. Physisches Modell unserer Rekonstruktionshypothese, basiert auf vorangegangener Literaturrecherche.

KAPITEL 5: FAZIT

Wie lassen sich unsere Erkenntnisse über die Dachwerke der Mezquita von Córdoba nun zusammenfassen? Sowohl während der Literaturrecherche als auch bei der Arbeit am Modell wird deutlich, wie schwierig es ist, sichere Aussagen zu treffen. Fehlende oder sich widersprechende Berichte über die Konstruktion und ihre Bauteile sowie der Mangel an schriftlichen Quellen aus der Zeit der islamischen Herrschaft in Córdoba lassen viel Raum für Spekulation. 

An vielen Stellen kommen wir daher nicht umhin Vermutungen zu treffen, welche wir soweit möglich durch das gründliche Studium der uns zur Verfügung stehenden Quellen sowie eigene, logische Schlussfolgerungen weitestgehend begründen. Besonders durch die Annäherung an eine mögliche Konstruktionsweise durch den Modellbau konnten wir unsere theoretischen Forschungsergebnisse praktisch überprüfen und nachvollziehen.

Nach wie vor ist schwer zu sagen, ob die in diesem Aufsatz beschriebenen Details der Dachkonstruktion wirklich auf die Gründungszeit der Mezquita unter ‘Abd al-Rahman I. im 8. Jahrhundert zurückgehen oder ob es zu unwiederbringlichen Umbauten der gesamten Decke durch seine direkten Nachfolger kam. 

Dass die Moschee von Beginn an elf parallele Giebeldächer aufwies und kein Flachdach besaß, ist wohl ausreichend gesichert. Ob jedoch die Dachneigung im Laufe der Zeit angepasst wurde oder die Untersicht der Decke, wie wir sie annehmen, schon in der ersten Bauphase bestand, ist schwer zu belegen. In welcher Form waren die Balken verziert? Welche Bauteile, Bemalungen, Schnitzereien und Appliken sind womöglich erst ergänzt worden? Da sich die Erweiterungen und Restaurationen in ihrer Konstruktionsweise immer stark an der ersten Bauphase orientieren, nehmen wir an, dass dies, unter Berücksichtigung kleinerer Unterschiede, wohl auch in der detaillierten Ausformulierung des Deckenbildes und des Dachtragwerks der Fall war. Jedenfalls stellt unsere Rekonstruktion am Modell in Verbindung mit diesem Aufsatz unsere persönliche, auf gewissenhafter und unvoreingenommener Recherche beruhende Hypothese zur Konstruktion des Dachtragwerks der Cordobeser Moschee von ‘Abd al-Rahman I. dar.

Autoren: M. Gerber, J. Meyer, E. Taillebois
Gekürzt und formattiert von M. Gerber


FUßNOTEN

  1. Im Folgenden werden Ereignisse gemäß ihres gregorianischen Datums angegeben. Andere Quellen verwenden gegebenenfalls das islamische Datierungssystem, gekennzeichnet durch H oder n.d.H. (nach der Hidschra) bzw. AH (after Hijra). Giese verweist bei der Datierung bestimmter historischer Ereignisse i.d.R. auf Karl-Heinz Golzio und seinen Beitrag Geschichte Islamisch-Spaniens vom 8. bis zum 13. Jahrhundert in Hispania Antiqua. Denkmäler des Islam von Christian Ewert et al. (S. 1 – 52). Für diesen Aufsatz soll allerdings der Verweis auf Giese genügen. ↩︎
  2. Vgl. Giese, 2016, S. 21. ↩︎
  3. Nieto Cumplido, 1998, S. 57-58. ↩︎
  4. Ewert et al., 2009, S. 70. ↩︎
  5. Nieto Cumplido, 1998, S. 64. ↩︎
  6. ebd. ↩︎
  7. Torres Balbás, 1982, S. 345. ↩︎
  8. ebd., S. 346 ↩︎
  9. Giese, 2016, S. 22. ↩︎
  10. ebd. ↩︎
  11. Ewert et al., 2009, S. 70. ↩︎
  12. Giese, 2016, S. 24. ↩︎
  13. Nieto Cumplido, 1998, S. 131-132. ↩︎
  14. Giese, 2016, S. 24. ↩︎
  15. Ewert et al., 2009, S. 72. ↩︎
  16. Moneo Vallés, 1985, S. 30. Übersetzt von M. Gerber.  ↩︎
  17. Vgl. Giese, 2016, S. 25. ↩︎
  18. Ewert et al., 2009, S. 73. ↩︎
  19. Vgl. Giese, 2016, S. 26-27. ↩︎
  20. Nieto Cumplido, 1998, S. 195. Übersetzt von M. Gerber und S. Olvera Pacheco. ↩︎
  21. ebd., S. 196. ↩︎
  22. ebd., S. 249. ↩︎
  23. Giese, 2016, S. 27. ↩︎
  24. Nieto Cumplido, 1998, S. 279. ↩︎
  25. Ewert et al., 2009, S. 78-80. ↩︎
  26. Nieto Cumplido, 1998, S. 285. ↩︎
  27. Abbildungen entnommen aus Ewert et al., 2009, Abb. 2 & 5. ↩︎
  28. Nieto Cumplido, 1998, S. 249. Zum Maß des Anhubs der Decke siehe ebd., S. 113. ↩︎
  29. Vgl. Gómez Bravo, 1778, S. 757-758. Siehe ebenfalls Hernández Giménez, 1928, S. 199-200. ↩︎
  30. Nieto Cumplido, 1979, S. 273. ↩︎
  31. Nieto Cumplido, 1998, S. 249. ↩︎
  32. Vgl. Torres Balbás, 1982, S. 538. ↩︎
  33. Nieto Cumplido, 1998, S. 249-250. ↩︎
  34. Hernández Giménez, 1928, S. 193-194. ↩︎
  35. Vgl. Torres Balbás, 1982, S. 542. ↩︎
  36. Vgl. ebd., 1982, S. 538. ↩︎
  37. Nieto Cumplido, 1998, S. 74. ↩︎
  38. Giese, 2016, S. 175. ↩︎
  39. Nieto Cumplido, 1979, S. 271-273. Laut F. Hernández Giménez beträgt der Achsabstand etwa 84 cm. Siehe Hernández Giménez, 1928, S. 218. ↩︎
  40. Ewert et al., 2009, Abb. 5. ↩︎
  41. Hernández Giménez, 1928, S. 200-205. ↩︎
  42. ebd., S. 194-195. ↩︎
  43. ebd., S. 206-208. ↩︎
  44. Nieto Cumplido, 1979, S. 273, ↩︎
  45. Nieto Cumplido, 1998, S. 73. ↩︎
  46. ebd., S. 250. ↩︎
  47. Hernández Giménez, 1928, S. 191 sowie  S. 214. ↩︎
  48. Nieto Cumplido, 1979, S. 273. ↩︎
  49. Nieto Cumplido, 1998, S. 73. ↩︎
  50. Herrero Romero, 2015, S. 263 sowie S. 280. Übersetzt von M. Gerber. ↩︎
  51. Giese, 2016, S. 314. ↩︎
  52. Hernández Giménez, 1928, S. 193. ↩︎
  53. Herrero Romero, 2015, S. 55. ↩︎
  54. Nieto Cumplido, 1979, S. 271. ↩︎
  55. Torres Balbás, 1982, S. 542. ↩︎
  56. Nieto Cumplido, 1998, S. 74. ↩︎
  57. Nieto Cumplido, 1979, S. 273. ↩︎
  58. Ewert et al., 2009, S. 71 sowie S. 73. ↩︎
  59. Hernández Giménez, 1928, S. 233 & 241. ↩︎

BIBLIOGRAPHIE

  1. Ewert, Christian. „Einführung zu den in den Katalogtexten 1-106 genannten Denkmälern“, in Denkmäler des Islam. Von den Anfängen bis zum 12. Jahrhundert, 5 Bde., Hispania Antiqua. Mainz am Rhein: Philipp von Zabern, 2009.
  2. Giese, Francine Stéphanie. Bauen und Erhalten in al-Andalus: Bau- und Restaurierungspraxis in der Moschee-Kathedrale von Córdoba. Bern: Peter Lang, 2016.
  3. Gómez Bravo, Juan. Catálogo de los Obispos de Córdoba, y breve noticia histórica de su Iglesia Catedral, y Obispado: Tomo II, 1778
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  6. Moneo Vallés, José Rafael. „La vida de los edificios. Las ampliaciones de la mezquita de Córdoba“. Arquitectura: Revista del Colegio Oficial de Arquitectos de Madrid (COAM), Nr. 256 (1985): S. 26–36.
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  8. Nieto Cumplido, Manuel. La Catedral de Córdoba. Córdoba, 1998.
  9. Ruiz Cabrero, Gabriel. „Dieciséis Proyectos de Velázquez Bosco. La Mezquita-Catedral de Córdoba“. Arquitectura: Revista del Colegio Oficial de Arquitectos de Madrid (COAM), Nr. 256 (1985): S. 47–56.
  10. Stierlin, Henri. Architektur des Islam vom Atlantik zum Ganges. Orbis Terrarum. Zürich: Atlantis-Verl, 1979.
  11. Torres Balbás, Leopoldo. „Arte Hispanomusulmán. Hasta la caída del califato de Córdoba“, in España musulmana. Hasta la caida del califato de Córdoba (711 – 1031 de J. C.), von E. Lévi-Provençal, 331–788. herausgegeben von Emilio García Gómez, 4. Aufl. Historia de España. Madrid: Espasa-Calpe, 1982.

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1. Luftbild der Moschee-Kathedrale Córdoba. Quelle: Almagro Gorbea, Antonio: Mezquita de Córdoba. Ortoimagen cubiertas. https://www.academiacolecciones.com/arquitectura/inventario.php?id=AA-101_03
Abb. 2. Grundriss der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Rahman I. Quelle: Nieto Cumplido, 1998, S. 64.
Abb. 3. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Rahman II. Quelle: Nieto Cumplido, 1998, S. 132.
Abb. 4. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter ‘Abd al-Hakam II. Quelle: Nieto Cumplido, 1998, S. 195.
Abb. 5. Erweiterung der Cordobeser Moschee unter al-Hišām II. bzw. Muhammad ibn Abi Amir. Quelle: Nieto Cumplido, 1998, S. 282.
Abb. 6. Grundriss der Cordobeser Moschee-Kathedrale nach der letzten Erweiterung (mit Maßen nach Félix Hernández Giménez). Markierung: Im Modell dargestellter Ausschnitt. Quelle: Ewert et al., 2009, Abb. 1.
Abb. 7. Heutiger Grundriss der Cordobeser Moschee-Kathedrale mit kirchlichen Einbauten, Säulendurchmesser übertrieben dargestellt. Quelle: Ewert e al., 2009, Abb. 2.
Abb. 8. Aufriß und Schnitt der deckentragenden Elemente im Gründungsbau der Cordobeser Moschee-Kathedrale (mit Maßen nach Félix Hernández Giménez). Quelle: Ewert et al., 2009, Abb. 5.
Abb. 9 & 10. Geborgene Balken und Sparren, ausgestellt im Patio de los Naranjos. Quelle: Elias Taillebois, 2023.
Abb. 11. Spuren des ursprünglichen Daches über der Wand eines der Moscheeschiffe von ‘Abd al-Rahman I. aus dem 18. Jahrhundert, 1975. Quelle: ACCC, Material fotográfico, restauración, carpeta 1, n° 62, aus Herrero Romero, 2015, Abb. 140.
Abb. 12. Rekonstruktion des Daches im Schnitt von Félix Hernández Giménez. Quelle: Hernández Giménez, 1928, S. 207.
Abb. 13. Rekonstruktion des Daches in Perspektive von Félix Hernández Giménez. Quelle: Hernández Giménez, 1928, S. 208.
Abb. 14. Rekonstruktion des Daches von Manuel Nieto Cumplido, links: nach der Erhöhung der Wände, rechts: ursprüngliche Konstruktion. Quelle: Nieto Cumplido, 1979, S. 272.
Abb. 15. Sanierung des Daches von Schiff °1, 1990. Quelle: Archivo Gabriel Rebollo Puig, aus Herrero Romero, 2015, Abb. 164.
Abb. 16. Dachstuhl der Rekonstruktion von Velázquez Bosco. Quelle: Herrero Romero, 2015, Abb. 20.
Abb. 17. Drei-Tafel-Projektion der Restauration unter Velázquez Bosco. Quelle: Ruiz Cabrero, 2015, S. 48-49.
Abb. 18 bis 24. Physisches Modell unserer Rekonstruktionshypothese, basiert auf vorangegangener Literaturrecherche, 2023. Quelle: J. Meyer, E. Taillebois, and M. Gerber.


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